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GEOPOLITIK | ROHSTOFFMÄRKTE | 18.06.2026

Die Straße von Hormus ist offen. Aber "offen" ist relativ.

Reliefartige Karte der Straße von Hormus, die nahtlos in ein Zoll- und Handelsdokument übergeht. Ein Öltanker durchquert die Meerenge zwischen Iran und Oman und symbolisiert die Verbindung von Geopolitik, Bürokratie und globalen Lieferketten.

Die gute Nachricht zuerst: Die Straße von Hormus soll wieder für den Schiffsverkehr freigegeben werden. Ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran soll in den kommenden Tagen unterzeichnet werden. Die schlechte Nachricht: Ein Rahmenabkommen ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand mit Aktenvermerk.
Was bislang vorliegt, ist offenbar nicht mehr als ein Memorandum of Understanding. Laut US-Vizepräsident JD Vance handelt es sich um ein rund anderthalb Seiten langes, „sehr allgemeines Dokument“. Erst danach sollen Verhandlungen über ein finales Abkommen beginnen, mit einem Zeitfenster von 60 Tagen. In der Geopolitik kann in 60 Tagen eine Menge passieren. Und genau das ist der Punkt.

Der eigentliche Charakter des Abkommens: ein Schachzug, kein Schlussstrich

Trump verkündete die Öffnung der Meerenge zunächst als „abgabenfrei“. Kurz darauf meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars, Teheran habe im letzten Moment doch noch Gebühren für „maritime Dienstleistungen“ in das Abkommen eingebracht, was vom iranischen Außenamt bestätigt wurde. Schon in der Verkündungsphase verschiebt sich also die Frage von „offen oder zu“ zu „offen unter welchen Bedingungen“.
Das ist der eigentliche Punkt: Hormus wird nicht binär geöffnet oder geschlossen. Es wird konditional geöffnet gegen Gebühren, mit Auflagen, unter Aufsicht. Das ist diplomatisch enorm praktisch für beide Seiten: Trump kann den Erfolg verkünden, Iran kann Souveränität demonstrieren, und niemand muss eingestehen, dass die Meerenge faktisch unter neuer, granularer Kontrolle steht statt einfach „frei“ zu sein.

Eine Parallele, die sich aufdrängt: China und die Seltenen Erden

Das Muster Öffnung durch Kontrolle statt durch Verzicht auf Kontrolle kennen wir bereits aus einem anderen Rohstoffkontext. China verlangt für den Export Seltener Erden seit 2025 Endverbleibserklärungen der Kunden als Voraussetzung für die Ausfuhrgenehmigung, wobei Genehmigungen in der Regel bis zu 45 Arbeitstage dauern. Lagerbestände als Puffer helfen kaum, weil für jede einzelne Lieferung erneut ein Endverwendungs- und Endnutzernachweis verlangt wird.
Der Effekt: China muss gegenüber Drittstaaten nie offen erklären, warum eine Lieferung ausbleibt. Es genügt, im Einzelfall die Genehmigung nicht oder verzögert zu erteilen, formal, bürokratisch und unpolitisch. Kein Botschafter wird einbestellt, keine Eskalation ist nötig. Die Kontrolle wird im Papierkrieg ausgeübt, nicht am Verhandlungstisch.

Die Risiken bleiben zahlreich

Genau dahin dürfte sich auch Hormus entwickeln. Die Passage ist weder zu noch offen, sondern „semi-offen“ unter Zöllen, Inspektionen und Dokumentationspflichten, deren Tempo und Strenge sich politisch dosieren lassen, ohne dass irgendjemand offiziell von einer Sperrung sprechen müsste. Die Risiken bleiben entsprechend zahlreich:

  • Die Frage der iranischen Urananreicherung ist weiterhin ungeklärt.
  • Die nachträglich eingefügten Gebühren zeigen: Selbst die Grundbedingungen der Öffnung sind in letzter Minute verhandelbar.
  • Israel und die Hisbollah stehen sich weiterhin feindlich gegenüber.
  • Hardliner auf beiden Seiten könnten den Prozess torpedieren.
  • Und Trump ist nun einmal Trump. Ergebnisse werden früh als Erfolg

verkündet, aus einer Position der Stärke verhandelt, mit Kursänderungen, die historisch schnell kommen können.
Für die Rohstoffmärkte heißt das vor allem: Unsicherheit bleibt der Preis, auch wenn die Schlagzeile „geöffnet“ lautet. Höhere Versicherungsprämien, Frachtraten und Energiekosten verteuern Lieferketten. Das betrifft bei weitem nicht nur Öl, sondern reicht von Metallen über Chemikalien bis zu strategischen Rohstoffen. Niemand weiß, wie eng die Schraube morgen gedreht wird.

Die eigentliche Lehre

Die eigentliche Lehre lautet daher nicht mehr nur: Versorgungssicherheit beginnt bei stabilen Handelsrouten. Sie lautet: Versorgungssicherheit beginnt bei der Frage, wer über die Papiere entscheidet, die eine Route überhaupt nutzbar machen. Die Straße von Hormus mag geöffnet sein. Den Schlüssel zum Tor hält aber weiterhin, wer über die Bedingungen der Passage bestimmt.

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