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GEOPOLITIK | 27.08.2026

Rohstoff-Stopp am 10. November? Deutschlands Industrie ist alarmiert – aber nicht vorbereitet

Donald Trump vor der Air Force One bei einem Empfang durch eine chinesische Ehrengarde.

Deutschen Unternehmen läuft die Zeit davon. Am 10. November endet die Aussetzung der verschärften chinesischen Exportkontrollen für Seltene Erden. Die USA reagieren bereits mit ihrer „No-China-Doktrin“ und wollen China ab Januar 2027 aus wichtigen militärischen Lieferketten ausschließen. In Deutschland fordert nun auch der BDI einen härteren Kurs gegenüber Peking. Eine späte, aber notwendige Reaktion. Denn der „diplomatische Erfolg“ von Busan war nie eine Lösung – sondern nur eine Atempause auf Widerruf.

Sechs von zehn Unternehmen fürchten Produktionsstopps

Dass die Gefahr in der deutschen Wirtschaft angekommen ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft unter rund 900 Unternehmen. Sechs von zehn Firmen, die direkt oder indirekt kritische Rohstoffe benötigen, befürchten Produktionsstopps oder Verzögerungen, sollte China seine Beschränkungen ausweiten. 88 Prozent rechnen mit höheren Beschaffungskosten, 71 Prozent mit Lieferengpässen. Vier von zehn Unternehmen fürchten sogar, dadurch Kunden zu verlieren oder im schlimmsten Fall insolvent zu werden.
Alarmiert ist die deutsche Industrie also durchaus. Vorbereitet ist sie deshalb noch lange nicht. Alternative Lieferanten sind rar, strategische Vorräte befinden sich erst im Aufbau und neue Förder- und Verarbeitungskapazitäten werden bis November keine zusätzlichen Mengen liefern.

Was passiert, wenn China am 10. November nachschärft?

Die Atempause von Busan galt nur für das besonders weitreichende Maßnahmenpaket vom Oktober 2025. Die bereits bestehenden Kontrollen für Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium und Yttrium blieben in Kraft und führten vor allem bei Yttrium, Dysprosium und Terbium zu Engpässen. Ab dem 10. November könnten zusätzlich Holmium, Erbium, Thulium, Europium und Ytterbium sowie wichtige Verarbeitungsanlagen und Technologien kontrolliert werden. Selbst außerhalb Chinas gefertigte Neodym-Magnete und Bauteile könnten dann eine Genehmigung aus Peking benötigen, wenn sie chinesisches Dysprosium oder Terbium enthalten. Damit würde Chinas Zugriff bis tief in internationale Lieferketten reichen. Gallium und Germanium unterliegen bereits seit 2023 eigenen chinesischen Exportkontrollen. Auch dort haben strengere Genehmigungsverfahren die Versorgung verknappt – etwa bei Halbleitern und Infrarotoptiken. Sie gehören zwar nicht zum ausgesetzten Seltene-Erden-Paket, zeigen aber, wie schnell Peking Lieferketten über Exportlizenzen unter Druck setzen kann.

Deutsche Unternehmen in China geraten doppelt unter Druck

Besonders heikel ist die Lage für deutsche Unternehmen mit eigenen Werken in China. Für Exportgenehmigungen können die Behörden detaillierte Angaben zu Endkunden, Abnehmern und Verwendungszwecken verlangen. Damit erhält Peking Einblick in internationale Wertschöpfungsketten und sensible Geschäftsbeziehungen. Die Abhängigkeit wirkt doppelt: Die Unternehmen benötigen chinesische Rohstoffe – und zugleich die Zustimmung chinesischer Behörden, um daraus gefertigte Produkte an andere Standorte oder Kunden liefern zu dürfen.
Warum eine erneute Verlängerung der Aussetzung keineswegs selbstverständlich ist, haben wir bereits im Juli analysiert. Der damalige Beitrag zeigt, welche geopolitischen Konflikte gegen eine dauerhafte Deeskalation sprechen: „Der perfekte Sturm für kritische Rohstoffe“.

China verteilt seine Rohstoffe auch nach Wohlverhalten

China hat seine Lieferungen zuletzt zunehmend nach Ländern dosiert: Der eine bekommt Material, der andere nicht. Fast wie am Nikolaustag entscheidet Peking, wer Süßigkeiten erhält und wer nur Kohle (und manchmal auch die Rute). Die USA erhielten zuletzt wieder größere Mengen Yttriumoxid und Permanentmagnete. Japan hatte sich aus chinesischer Sicht mit den Taiwan-Äußerungen seiner Premierministerin „unartig“ verhalten – und bekam über Monate weder Dysprosium- noch Terbiumoxid. Wenn selbst Japan, das seine China-Abhängigkeit seit 2010 systematisch reduziert hat, auf diese Weise unter Druck gerät, wie verwundbar sind dann erst Deutschland und der Rest Europas?

Die USA verbannen China aus ihren Rüstungslieferketten

Washington zieht eine harte Konsequenz. Ab dem 1. Januar 2027 dürfen Auftragnehmer des US-Verteidigungsministeriums bestimmte Magnete sowie Tantal- und Wolframprodukte grundsätzlich nicht mehr liefern, wenn das Material in China abgebaut, getrennt, raffiniert oder weiterverarbeitet wurde. Bei Neodym-Eisen-Bor- und Samarium-Kobalt-Magneten gilt das für die gesamte Lieferkette bis zum fertigen Magneten. Das ist kein allgemeines Importverbot, aber eine klare Selbstverpflichtung im militärischen Bereich. Das Problem: China lässt sich per Vorschrift aus einer Lieferkette streichen – fehlende Trennanlagen und Produktionskapazitäten entstehen dadurch noch nicht.

Infografik zur Lieferkette vom Bergwerk bis zum Magneten.

China lässt sich schneller aus einem Gesetz streichen als aus einer Lieferkette

Beim Bergbau sind die USA inzwischen vergleichsweise gut aufgestellt. Die größeren Lücken beginnen danach – bei der Trennung und Raffination, der Herstellung von Metallen und Legierungen sowie der Produktion und Qualifizierung fertiger Magnete. Für jede dieser Stufen braucht es eigene Anlagen, Spezialwissen und industrielle Erfahrung. Das lässt sich nicht innerhalb weniger Monate aufbauen. Sollte China am 10. November nachschärfen, kann der Westen die ausfallenden Mengen deshalb nicht rechtzeitig ersetzen.

Tabelle zu Chinas Dominanz in der Lieferkette vom Bergbau bis zum Magneten.

Amerikas Wettlauf gegen die Uhr

Beim Versuch, ihre militärischen Lieferketten bis Januar 2027 China-frei zu machen, geraten die USA ins Trudeln. Wie groß dieses Unterfangen ist, zeigt USA Rare Earth. Das Unternehmen versucht, Bergbau, Trennung, Metall- und Legierungsherstellung sowie die Produktion fertiger Magnete in einer durchgängigen Lieferkette zu vereinen. Eine erste Magnetproduktion fährt bereits hoch, doch das Material aus der eigenen Mine soll erst Ende 2028 kommen. Dazwischen klafft die entscheidende Lücke: Für Trennung und Weiterverarbeitung stehen außerhalb Chinas noch nicht genügend Kapazitäten bereit. Bis Januar lässt sich diese Kette nicht schließen.

Eigene Produktion ist der richtige Weg – aber keine Soforthilfe

Der Ansatz von USA Rare Earth ist trotz der offenen Lücken sinnvoll. Unternehmen, die mehrere Stationen der Lieferkette miteinander verbinden, können Herkunft und Materialflüsse besser kontrollieren und Abhängigkeiten schrittweise verringern. Auch Noble Elements geht diesen Weg und entwickelt sich vom reinen Rohstoffhändler zunehmend in Richtung Rohstoffproduktion. Solche Unternehmen können wichtige Bausteine einer unabhängigen Versorgung werden. Bis zum 10. November entstehen daraus jedoch keine zusätzlichen Mengen. Eigene Förderung, Trennung und Verarbeitung sind Lösungen für die kommenden Jahre – nicht für die kommenden Monate.

„How to Handelskrieg“ – der BDI fordert Gegenwehr

Lange fürchtete die deutsche Industrie, ein härterer Kurs gegenüber China könnte neue Vergeltungsmaßnahmen provozieren. Nun diskutieren der BDI und seine Mitgliedsverbände über schnellere Antidumping- und Antisubventionsverfahren, eine einfachere Beweisführung und einen konsequenteren Einsatz der europäischen Handelsschutzinstrumente. Hinzu kommen bekannte Forderungen: Lieferketten diversifizieren, strategische Vorräte aufbauen, Recycling stärken und in Europa eigene Kapazitäten für Verarbeitung und Magnetfertigung schaffen.
Der Kurswechsel ist notwendig. Er kommt allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten dieser Maßnahmen bis zum 10. November nicht mehr greifen können. Antidumping- und Antisubventionsverfahren können gegen künstlich verbilligte oder staatlich geförderte Importe vorgehen, etwa durch Zusatzzölle oder Mindestpreise. Sie schützen damit vor unfairer Konkurrenz – liefern aber kein Terbium. Neue Minen und Verarbeitungsanlagen benötigen Jahre. Auch Unternehmen, die wie Noble Elements den Schritt vom Rohstoffhandel in Richtung eigener Produktion gehen, können erst mittel- bis langfristig weitere Lücken in der Lieferkette schließen.

Der 10. November wird keine Entwarnung bringen

Ein vollständiger Rohstoffstopp ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass Peking die Aussetzung an weitere Zugeständnisse knüpft und seine Lieferungen weiterhin gezielt steuert. Scheitern die Verhandlungen, könnten die ausgesetzten Kontrollen jedoch wieder greifen.
Ein erster Vorentscheid könnte bereits beim Treffen von Trump und Xi im September fallen. Für Deutschlands Industrie bleibt das Grundproblem jedoch bestehen: Ob Material fließt, wann es ankommt und wer es erhält, wird weiterhin vor allem in Peking entschieden. Wir werden deshalb genau verfolgen, welche Signale von den Gesprächen ausgehen – und was sie für Europas Rohstoffversorgung bedeuten.

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