Schwefelsäure: Das unterschätzte geopolitische Risiko

Was haben unsere Ernährungssicherheit und die Energiewende gemeinsam?
Beide hängen von einem kritischen Rohstoff ab, der in großen Mengen durch die Straße von Hormus transportiert wird. Gemeint ist jedoch nicht Öl – sondern Schwefel beziehungsweise Schwefelsäure.
Was wie ein Nischenthema klingt, entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Risiko für Industrie und Versorgungssicherheit. Schwefelsäure ist die Grundlage zahlreicher Prozesse, ohne die moderne Hochtechnologie nicht funktionieren würde.
Der globale Engpass verschiebt sich damit zunehmend:
weg vom Erz,
hin zur Chemie.
Ohne Schwefelsäure keine Energiewende
Rund 70 Prozent des weltweiten Schwefelsäureverbrauchs entfallen auf zwei Schlüsselindustrien: die Düngemittelproduktion und die Metallverarbeitung.
Damit betrifft eine mögliche Knappheit gleich zwei zentrale Säulen moderner Staaten: Ernährungssicherheit und industrielle Transformation.
Für Windkraftanlagen, Stromnetze, Wasserstoff-Infrastruktur und Batteriespeicher werden Metalle wie Kupfer, Nickel und Seltene Erden benötigt. Doch Rohstoffe wie Neodymoxid müssen zunächst chemisch aus dem Gestein gelöst und getrennt werden. Da hochreine Lagerstätten zunehmend erschöpft sind, steigt die Bedeutung solcher chemischen Verfahren immer weiter.
Besonders kritisch ist die Lage bei Seltenen Erden, etwa Terbiumoxid:
Ohne Schwefelsäure lassen sich viele Elemente wirtschaftlich kaum verarbeiten oder trennen. Der Fokus verschiebt sich deshalb immer stärker vom reinen Erzabbau hin zur gesamten chemischen Verarbeitungskette.
Die Straße von Hormus macht Schwefel strategisch
Schwefel fällt vor allem als Nebenprodukt der Öl- und Gasförderung an. Damit wird die Golfregion zum geopolitischen Nadelöhr für den Weltmarkt. In Friedenszeiten stammt rund die Hälfte der globalen Schwefelexporte auf dem Seeweg aus dieser Region.
Gerät die Straße von Hormus unter Druck, betrifft das deshalb nicht nur Öl und Gas – sondern auch die globale Chemie- und Metallindustrie.
Der Markt ist ohnehin bereits angespannt:
Die boomende Nickelindustrie Indonesiens verbraucht enorme Mengen Schwefelsäure, während russische Exporte infolge des Ukrainekriegs zurückgehen.
Alternative Produzenten wie die USA oder Kanada können diese Lücke kurzfristig kaum schließen. Es wäre wirtschaftlich kaum sinnvoll, die Öl- und Gasförderung allein wegen der Schwefelproduktion auszuweiten. Neue Kapazitäten aufzubauen würde zudem Jahre dauern.
Als Folge beginnen erste Staaten bereits damit, ihre Märkte abzuschirmen. Die Türkei hat einen Exportstopp für Schwefel verhängt, Indien und China prüfen ähnliche Maßnahmen.
Der Markt reagiert bereits deutlich
Die geopolitischen Spannungen schlagen längst auf die Preise durch.
Innerhalb kurzer Zeit hat sich Schwefel massiv verteuert – ein deutliches Signal dafür, wie empfindlich globale Lieferketten inzwischen reagieren.

Für Europa wächst damit das Risiko erheblich. Während China über große eigene Chemiekapazitäten verfügt, bleibt der Westen bei zahlreichen Vorprodukten abhängig von globalen Handelsrouten und Importen.
China nutzt diese Position zunehmend strategisch. Exportbeschränkungen betreffen längst nicht mehr nur Metalle selbst, sondern immer häufiger auch Vorprodukte und Chemikalien, die für deren Verarbeitung notwendig sind.
Der neue Flaschenhals liegt in der Chemie
Lange konzentrierte sich die Debatte vor allem auf Minen und Rohstoffvorkommen. Doch die eigentliche Macht liegt tiefer in der Lieferkette: bei Raffination, Trennung und Chemie.
Wer Schwefelsäure kontrolliert, kontrolliert indirekt auch Teile der Metallverarbeitung – von Nickel und Kupfer bis hin zu Seltenen Erden wie Dysprosiumoxid.
Europas Problem ist dabei nicht nur fehlendes Know-how. Kritisch wird die zunehmende Abhängigkeit von globalen Lieferketten auch bei strategischen Vorprodukten.