Rohstoffe so günstig wie seit Jahrzehnten nicht und warum das kaum jemand glaubt

Wir tanken zu horrenden Preisen, während der Einkauf im Supermarkt immer teurer wird. Wer jetzt behauptet, Rohstoffe seien historisch günstig, sorgt möglicherweise für Kopfschütteln, hat makroökonomisch aber recht.
Warum hohe Spritpreise wenig über Rohstoffbewertungen aussagen
An der Tankstelle sehen wir einen Verbraucherpreis, in den neben Rohöl auch Raffination, Transport, Wechselkurs, Abgaben und Steuern einfließen. Im Rohstoffmarkt selbst funktioniert die Preisbildung anders. Gold, Öl oder Kupfer werden an internationalen Handelsplätzen bepreist. Bei Germanium, Gallium oder Seltenen Erden entstehen die Preise durch Angebote und Abschlüsse zwischen Produzenten, Händlern und Industrie, wobei China vielfach seine Finger im Spiel hat. Als dominierender Produzent und Verarbeiter kann das Land die Märkte über Produktionsmengen, staatlich gestützte Kapazitäten und Exportgenehmigungen erheblich beeinflussen. Die großen Zyklen des Rohstoffmarkts kann aber auch China nicht dauerhaft außer Kraft setzen. Zumal der Westen längst an eigenen Hebeln arbeitet: Lieferketten jenseits Chinas und Mindestpreise für strategische Rohstoffe.
Rohstoffe sind im Vergleich zu Aktien historisch günstig
Der langfristige Vergleich mit dem S&P 500 fällt eindeutig aus: Rohstoffe sind so günstig wie seit Jahrzehnten nicht. Beide Anlageklassen haben sich in ihrer Bewertung weit voneinander entfernt. Solche Abstände können lange bestehen. Dauerhaft waren sie in früheren Rohstoffzyklen jedoch nicht.
Bei den großen Preisausschlägen der Vergangenheit wiederholten sich zwei Mechanismen: Kriege, Embargos und blockierte Handelswege verknappten das Angebot. Industrielle und technologische Umbrüche erzeugten dagegen eine Nachfrage, auf die der Markt nicht vorbereitet war. Heute kommen beide Entwicklungen zusammen. Das macht den großen Abstand zwischen Rohstoff- und Aktienmärkten so bemerkenswert und möglicherweise folgenreich.
Ein Grund für diesen Abstand liegt im Index selbst: Rund 40 Prozent des S&P 500 bestehen inzwischen aus Technologie- und KI-Werten, und immer mehr Stimmen halten genau diese Konzentration für eine Blase, die irgendwann platzt, wie jede große Blase zuvor, ob Immobilien oder Dotcom. Wird Aktien vielen Investoren zu riskant, suchen sie klassischerweise Zuflucht in Sachwerten, und Rohstoffe gehören traditionell dazu. Die Nachfrage nach einem begrenzten Gut steigt dann, während das Angebot kaum mitwächst. Die Preise sind heute schon hoch, ihren Zenit haben sie damit aber noch lange nicht erreicht, auch wenn sich seriös nicht vorhersagen lässt, wann und wie dieser kommt.
Ein neuer iPhone-Moment und warum er Rohstoffe betrifft
Als Apple 2007 das iPhone vorstellte, fanden bereits vorhandene Technologien in einem Gerät zusammen und ein völlig neuer Markt entstand. Heute steht die Industrie weltweit vor einem vergleichbaren Moment, nur in erheblich größerem Maßstab.
Künstliche Intelligenz, humanoide Robotik und Quantencomputing wachsen zusehends zusammen und verändern dabei auch die militärische Balance: KI beschleunigt bereits Cyberangriffe, während leistungsfähige Quantencomputer künftig Verschlüsselungen militärischer Systeme überwinden könnten. Das verschärft den technologischen Wettlauf der Großmächte um Halbleiter und autonome Systeme zusätzlich. Gleichzeitig wächst der Strombedarf der Rechenzentren schneller, als Kraftwerke, Speicher und Netze ausgebaut werden können.
All das erzeugt einen gewaltigen Bedarf an hochreinen Spezialmetallen und strategischen Rohstoffen. Neue Förder- und Verarbeitungskapazitäten lassen sich aber viel langsamer aufbauen, als die technologische Nachfrage wächst. Im Preisverhältnis zu Aktien ist von dieser Entwicklung bislang wenig zu sehen. Rohstoffe bleiben historisch günstig, obwohl KI, Robotik, Rechenzentren und neue Energiesysteme bereits einen enormen zusätzlichen Materialbedarf erzeugen.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Viele der dafür benötigten kritischen Rohstoffe fallen nur als Nebenprodukt der Zinn-, Aluminium- oder Kupferproduktion an. Ihre Förderung lässt sich nicht beliebig hochfahren, ohne die jeweiligen Hauptmärkte zu überschwemmen und unwirtschaftlich zu machen. Das begrenzt das Angebot zusätzlich, gerade dann, wenn die
Nachfrage am stärksten steigt.
Wie schnell eine Industrie dabei ins Hintertreffen geraten kann, zeigt die deutsche Automobilbranche. Autoexperte Philipp Raasch beschrieb bei Markus Lanz drei Technologiewellen, auf die sie verspätet reagiert habe: Batterie, Software und KI. Der Rückstand betrage inzwischen fünf bis sechs Jahre. Bei Rohstoffen wäre eine solche Verspätung kaum aufzuholen, denn neue Förder- und Verarbeitungskapazitäten benötigen oft noch länger.
Steigende Nachfrage trifft auf fragile Lieferketten
Wie störanfällig diese Lieferketten sind, zeigt sich gerade an mehreren Stellen. In der Straße von Hormus bedroht ein Krieg die Route für rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls. Am Panamakanal genügt ausbleibender Regen, damit Schiffe weniger laden dürfen und ab September weniger Passagen möglich sind. Bei Technologiemetallen entscheidet mitunter eine chinesische Exportgenehmigung darüber, ob das Material überhaupt geliefert wird.

Wie konsequent China dieses Instrument inzwischen einsetzt, zeigen die eigenen Zolldaten des Landes. Die Internationale Energieagentur zählte am 1. August 2023 rund 20 Zolltarifpositionen unter chinesischer Exportkontrolle. Bis zum 4. April 2025 hat sich diese Zahl auf knapp 70 mehr als verdreifacht. Seltene Erden stellen inzwischen den mit Abstand größten Einzelblock, vor Wolfram, Graphit, Antimon, Germanium und Gallium. Was noch 2023 ein Randinstrument der Handelspolitik war, ist innerhalb von zwei Jahren zu einem zentralen Hebel geworden.
Am 10. November könnten die ausgesetzten Kontrollen wieder greifen. Über die möglichen Folgen für die deutsche Industrie haben wir bereits ausführlich in diesem Beitrag berichtet.
Schon jede dieser Störungen kann Preise und Lieferzeiten empfindlich treffen. Fallen mehrere zusammen und treffen zugleich auf den wachsenden Bedarf von KI, Robotik, Drohnen und neuer Energieinfrastruktur, schwinden die Reserven schnell. In den heutigen Preisen schlägt sich bislang nur begrenzt nieder, wie unsicher der Zugriff auf viele Rohstoffe geworden ist. Genau darin liegt die entscheidende Spannung: Rohstoffe sind im Vergleich zu Aktien historisch günstig, obwohl die Versorgungsrisiken zunehmen.
Der Vorsprung beginnt beim Rohstoff
Die historisch niedrige Bewertung von Rohstoffen ist kein Versprechen auf steigende Preise, aber vieles deutet in diese Richtung. Rohstoffe sind im Verhältnis zu Aktien so günstig wie nie zuvor gemessen. Sollte die Bewertungsblase an den Aktienmärkten tatsächlich platzen, dürfte genau dieser Abstand zum entscheidenden Faktor werden: Kapital sucht dann Zuflucht in Sachwerten, und Rohstoffe zählen zu den ersten Adressen. Gewiss ist das nicht, eher eine Ahnung dessen, was kommen könnte. Sie eröffnet Unternehmen jedoch schon jetzt die Möglichkeit, Lieferketten zu diversifizieren, Vorräte aufzubauen und Verarbeitungskapazitäten zu sichern, bevor der technologische Bedarf weiter wächst. Sobald sich die Knappheit in den Preisen zeigt, wird dieser Vorsprung teuer oder ist bereits verloren.
Physische strategische Rohstoffe unterscheiden sich grundlegend von rein finanziellen Forderungen: Sie werden für reale industrielle Anwendungen benötigt. Entscheidend sind allerdings die Auswahl des Materials, seine Qualität, die Eigentumsverhältnisse und eine gesicherte Lagerung.
Knappheit und Geopolitik sind dabei nicht die einzigen Kräfte. Auch der Klimawandel wirkt zunehmend auf die Rohstoffpreise, sei es über Dürren, die Förderung und Transport erschweren, oder über den Ausbau erneuerbarer Energien, der selbst wieder Metalle bindet. So unterschiedlich diese Faktoren sind, so eindeutig zeigen sie in dieselbe Richtung: steigende Preise.
Vieles spricht dafür, dass der nächste industrielle iPhone-Moment näher rückt. Wann die Rohstoffmärkte darauf reagieren, lässt sich nicht vorhersagen. Unternehmen sollten jedoch nicht erst handeln, wenn die Knappheit offensichtlich geworden ist. Denn egal, wie lang der Weg ist: Er beginnt immer beim Rohstoff.