Taiwan in der Rohstofffalle: Wenn der Welt die Chips ausgehen

Festlandchina verzögert offenbar die Lieferung kritischer Materialien nach Taiwan. Die Welt braucht Taiwans Chips. Taiwan wiederum benötigt Rohstoffe und Komponenten, auf deren Lieferketten China erheblichen Einfluss hat. Gerät diese Versorgung ins Stocken, trifft das nicht nur die Insel, sondern weltweit Autohersteller, Rechenzentren, Medizintechnik und Rüstungsindustrie.
Im Kurzinterview erklärt Andreas Kroll, welche Folgen eine weitere Eskalation für Taiwan, die Halbleiterindustrie und die gesamte Weltwirtschaft haben könnte.
David Acker: Was passiert, wenn die Welt keine Chips mehr bekommt?
Andreas Kroll: Zunächst würden die Börsen reagieren – und zwar heftig. Der aktuelle KI-Boom hängt an wenigen Unternehmen wie Nvidia, TSMC und ASML sowie an den großen Hyperscalern, die Milliarden in neue Rechenzentren investieren. Fällt Taiwans Chipproduktion aus, gerät die Grundlage dieser Wachstumserwartungen ins Wanken.
Danach erreicht der Schock die reale Wirtschaft. Unternehmen würden versuchen, sich die noch verfügbaren Fertigungskapazitäten zu sichern. Smartphones, Computer und Server würden teurer, erste Produktionslinien könnten stillstehen. Mittelfristig wären nahezu alle modernen Industriezweige betroffen: vom Automobilbau über die Medizintechnik bis zur Verteidigungsindustrie.
Dabei würden der Welt nicht alle Chips ausgehen. Doch gerade bei hochentwickelten Logikchips ist TSMC der mit Abstand wichtigste Auftragsfertiger. Samsung und Intel könnten einen Ausfall kurzfristig nicht auffangen. Solche Kapazitäten lassen sich nicht einfach per Knopfdruck hochfahren.
David Acker: Sehen wir hier gewöhnliche Exportkontrollen – oder den Beginn einer gezielten wirtschaftlichen Blockade Taiwans?
Andreas Kroll: Noch würde ich nicht von einer Blockade sprechen. Formal sehen wir verschärfte Kontrollen, längere Prüfungen und verzögerte Freigaben. Auch fließt weiterhin Material von Festlandchina nach Taiwan.
Politisch ist der Vorgang dennoch bemerkenswert. Peking betrachtet Taiwan als Teil Chinas. Ein öffentlich verkündeter Lieferstopp wäre mit dieser Position schwer vereinbar. Verzögerte Zollabfertigungen und strengere Einzelfallprüfungen ermöglichen dagegen wirtschaftlichen Druck, ohne offiziell eine Blockade erklären zu müssen.
Ich sehe darin deshalb vor allem eine weitere Verschärfung der Instrumente im Technologie- und Handelskonflikt zwischen China und dem Westen.
David Acker: Dieser Handelskonflikt zwischen China und dem Westen reicht bis in die erste Amtszeit Donald Trumps zurück. Welche Rolle spielten anschließend die Biden-Regierung und der CHIPS Act?
Andreas Kroll: Die ersten umfassenden amerikanischen Beschränkungen entstanden bereits während der ersten Trump-Regierung. Besonders deutlich wurde das am Beispiel Huawei und beim Ausbau der 5G-Netze. Damals erkannte Peking, wie abhängig China von amerikanischer Chipdesign-Software, westlichen Fertigungsanlagen und ausländischen Halbleiterherstellern ist.
Die Biden-Regierung verschärfte diese Politik erheblich. Besonders leistungsfähige Chips und bestimmte Anlagen zu ihrer Herstellung durften nicht mehr oder nur eingeschränkt nach China geliefert werden. Der CHIPS Act sollte gleichzeitig neue Produktionskapazitäten in den USA aufbauen.
China reagiert heute spiegelbildlich: Der Westen kontrolliert Chips und Fertigungsanlagen, Peking kontrolliert kritische Rohstoffe und Vorprodukte. Beide Seiten greifen dort an, wo die Lieferkette des Gegners besonders verwundbar ist.
David Acker: Könnte China Taiwans Chipproduktion über Rohstoffe und Spezialmaterialien lahmlegen, ohne die Insel militärisch zu blockieren?
Andreas Kroll: Grundsätzlich ja. Ob die derzeit betroffenen Lieferungen dafür bereits ausreichen würden, lässt sich allerdings noch nicht seriös sagen.
Die Halbleiterproduktion ist eine der komplexesten Lieferketten der Welt. Sie benötigt nicht nur Silizium, sondern auch hochreine Chemikalien, Spezialgase, Quarzprodukte, optische Komponenten und zahlreiche Metalle. Fällt nur ein einziges qualifiziertes Material aus, kann unter Umständen der gesamte Produktionsprozess ins Stocken geraten.
Entscheidend ist dabei häufig nicht allein die verfügbare Rohstoffmenge, sondern die benötigte Reinheit und Verarbeitung. Einen hochspezialisierten Lieferanten kann man nicht von heute auf morgen durch einen anderen ersetzen.
David Acker: Wenn China den Druck aufrechterhält: Was würde sofort passieren, was nach wenigen Wochen und was langfristig?
Andreas Kroll: Zunächst würden Preise und Unsicherheit steigen. Die Kunden von TSMC würden um die noch verfügbaren Produktionskapazitäten konkurrieren und versuchen, ihre wichtigsten Produkte abzusichern.
Nach einigen Wochen oder Monaten – abhängig von den Lagerbeständen und den konkret betroffenen Materialien – könnten erste Produktionslinien ausfallen. Die Hersteller würden die knappen Chips wahrscheinlich zunächst für besonders profitable oder strategisch wichtige Produkte reservieren.
Langfristig würden Samsung, Intel und andere Unternehmen zusätzliche Kapazitäten aufbauen. Das dauert jedoch Jahre, kostet Milliarden und ersetzt noch nicht automatisch die Fertigungsqualität und Erfahrung von TSMC. Ein längerer Ausfall Taiwans ließe sich deshalb nicht vollständig kompensieren.
David Acker: Wie lange könnte Taiwans Chipindustrie einen vollständigen Lieferstopp dieser Materialien überbrücken?
Andreas Kroll: Das lässt sich von außen kaum belastbar beantworten. Dafür müssten wir die genauen Materialbedarfe und Lagerbestände der einzelnen Hersteller kennen. Solche Informationen behandeln Unternehmen aus gutem Grund äußerst vertraulich.
Wer öffentlich erklärt, dass ihm ein bestimmtes Material nur noch wenige Wochen reicht, offenbart Kunden, Konkurrenten und möglicherweise auch politischen Akteuren seine größte Schwachstelle. Es ist ein wenig wie bei staatlichen Beständen an Abwehrraketen: Man bestätigt ihre Bedeutung, veröffentlicht aber nicht unbedingt die genaue Reichweite der Vorräte.
David Acker: Welche kritischen Rohstoffe und Materialien sind besonders betroffen?
Andreas Kroll: Aktuell wird vor allem über germaniumbasierte Materialien, hochreine Quarzprodukte und bestimmte Permanentmagnete berichtet. Germanium wird unter anderem in Infrarotoptik, Photonik und Glasfasertechnik eingesetzt. Hochreine Quarzkomponenten spielen in der Halbleiterfertigung und bei den entsprechenden Produktionsanlagen eine wichtige Rolle.
Gallium ist ebenfalls von großer strategischer Bedeutung. Es wird vor allem für Verbindungshalbleiter wie Galliumarsenid und Galliumnitrid benötigt – beispielsweise in der Hochfrequenztechnik, Leistungselektronik sowie in Radar- und 5G-Anwendungen. Silizium wiederum bildet die Grundlage der meisten modernen Prozessoren. Beide Materialien erfüllen unterschiedliche Funktionen und sind daher nicht ohne Weiteres gegeneinander austauschbar.
Grundsätzlich gilt: Rohstoffe spielen auf fast jeder Stufe der Halbleiterlieferkette eine Rolle. Besonders kritisch ist die Fotolithografie. Hier treffen die Maschinen von ASML, die Hochleistungsoptik von Zeiss und zahlreiche weitere spezialisierte Zulieferer aufeinander. Diese Lieferkette ist technologisch kaum kurzfristig ersetzbar.
David Acker: Hat Taiwan alternative Lieferketten? Wer könnte kurzfristig für China einspringen?
Andreas Kroll: Im Moment ist das äußerst schwierig. Einen kleinen Teil seines Bedarfs könnte Taiwan über internationale Händler wie uns beziehen oder aus vorhandenen Lagerbeständen decken. Das wäre jedoch nur eine kurzfristige Überbrückung – nach meiner Einschätzung für höchstens drei Monate.
Die Halbleiterindustrie benötigt Gallium in höchsten Reinheitsgraden – je nach Anwendung bis zu 8N, also 99,999999 Prozent. Solche Qualitäten lassen sich nicht beliebig und schon gar nicht kurzfristig ersetzen. Hinzu kommt: China kontrolliert derzeit weit über 90 Prozent der weltweiten Produktion von Primärgallium und damit einen entscheidenden Ausgangspunkt der Lieferkette.
Andere Länder arbeiten zwar am Aufbau eigener Minen sowie neuer Raffinations- und Verarbeitungskapazitäten. Bis daraus belastbare Lieferketten in industriellem Maßstab entstehen, werden jedoch noch Jahre vergehen. Für einen akuten Lieferstopp ist das keine Lösung.
David Acker: Wie hoch wäre der wirtschaftliche Schaden? Kann man das mit dem Halbleitermangel von 2021 vergleichen?
Andreas Kroll: Die Chipkrise von 2021 war nur ein Vorgeschmack. Damals fehlten bestimmte Halbleiter, dennoch wurden allein in Nordamerika rund 2,3 Millionen Fahrzeuge weniger produziert. Bauteile im Wert von wenigen Dollar verhinderten die Fertigstellung von Produkten im Wert von Zehntausenden Dollar.
Ein weitreichender Ausfall Taiwans träfe zusätzlich zahlreiche hochentwickelte und kundenspezifische Chips, für die es kurzfristig keine alternativen Fertigungskapazitäten gibt. Der wirtschaftliche Schaden wäre deshalb erheblich größer und würde sich rasch durch nahezu alle Wertschöpfungsketten ziehen.
Hinzu käme die politische Dimension: Ein rohstoffbedingter Stillstand der taiwanischen Chipindustrie würde die Spannungen zwischen China und dem Westen – insbesondere den USA – massiv verschärfen. Aus einer Versorgungskrise könnte sehr schnell eine internationale Sicherheitskrise werden.
David Acker: Herr Kroll, vielen Dank für Ihre Einschätzungen und das Gespräch.
Noble BC und Noble Elements setzen sich gemeinsam für eine sichere Rohstoffversorgung und widerstandsfähige, möglichst unabhängige Lieferketten in Europa ein.
Noch nicht genug von Rohstoffen und Geopolitik? Eine ausführliche Analyse unserer Abhängigkeit von Chinas Rohstoffmacht liefert das Buch „Das Kokain der Industrie“ von Andreas Kroll und Andreas Pietsch. Es zeigt, wie sich die USA und China mit Chipkontrollen und Rohstoffbeschränkungen Zug um Zug bekämpfen – und welche Folgen dieser Konflikt für Europa hat.