Der Rohstoffhunger des Drohnenkriegs erreicht Bayerns Industrie

Während sich die Welt an das Bild von schwärmenden Kampfdrohnen über der Ukraine gewöhnt hat, vollzieht sich im Hintergrund weitgehend unbemerkt eine brachiale Verschiebung: Der Rohstoffhunger des modernen Krieges frisst sich mitten in die Lieferketten der zivilen Industrie. Gerade Bayern spürt das so deutlich wie nie zuvor.
246 Prozent Wachstum: Der Rohstoffhunger der Kamikaze-Drohnen
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist der Materialbedarf für sogenannte Loitering Munition geradezu explodiert. Gemeint sind jene Kampfdrohnen, die über einem Zielgebiet kreisen, bis sie ein Ziel erfassen und zuschlagen. Nach Berechnungen des Marktforschers Project Blue ist die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen für diese Waffen seit Kriegsbeginn um durchschnittlich 246 Prozent pro Jahr gewachsen. Was einst als militärische Nischentechnologie galt, wird im modernen Krieg zur massenhaft eingesetzten Einwegwaffe.
Deutschland rüstet für den Drohnenkrieg
Deutschland ist im Krieg gegen die Ukraine keine Kriegspartei. Am industriellen Hochlauf der Drohnenrüstung ist das Land dennoch längst beteiligt. Die Bundeswehr hat Rheinmetall mit der Lieferung des Loitering-Munition-Systems FV-014 beauftragt. Der erste Abruf umfasst rund 300 Millionen Euro, der Rahmenvertrag im Milliardenbereich ermöglicht die Beschaffung einer fünfstelligen Zahl autonomer Aufklärungs- und Angriffsdrohnen. Produziert werden soll vollständig in der Europäischen Union. Gleichzeitig liefert Deutschland unterschiedliche Drohnensysteme an die Ukraine und baut die Fähigkeiten der eigenen Streitkräfte aus. Der Rohstoffhunger des Drohnenkriegs endet damit nicht an der ukrainischen Grenze. Er setzt sich in europäischen Beschaffungsprogrammen und Fabriken fort.
Riesige Rohstoffmengen für einen einzigen Einsatz
Das Besondere daran ist nicht allein die enorme Wachstumsrate, sondern die Art des Verbrauchs: Ein Windrad, ein Elektroauto oder eine Industriemaschine bindet seine Rohstoffe für viele Jahre. Am Ende ihrer Lebensdauer können zumindest Teile davon zurückgewonnen und erneut genutzt werden. Loitering Munition wird dagegen für einen einzigen Einsatz gebaut. Mit dem Einschlag werden Batterie, Motor, Elektronik und die darin enthaltenen Metalle zerstört, verstreut oder dauerhaft dem Rohstoffkreislauf entzogen. Dringend benötigte Rohstoffe gehen mit jedem Einsatz verloren.
Der Drohnenkrieg bedient sich aus zivilen Lieferketten
Batterien machen bei militärischen Drohnen rund elf Prozent des Gesamtgewichts aus, Elektronik und Halbleitermaterialien erreichen einen ähnlich hohen Anteil. Loitering Munition stand 2025 bereits für 46,2 Prozent der gesamten Lithium-Ionen-Batterienachfrage im UAV-Sektor. Benötigt werden Lithium und Graphit für die Batterien sowie Gallium, Germanium, Indium und Tantal für Elektronik und Halbleiter. Hinzu kommen Aluminium und verschiedene Speziallegierungen. Doch all diese Materialien werden auch anderswo dringend gebraucht: in Elektroautos, Halbleitern, Maschinen, Energietechnik und Kommunikationssystemen. Der Drohnenkrieg schafft keinen eigenen Rohstoffmarkt. Er greift auf dieselben ohnehin angespannten Lieferketten zu, von denen die zivile Industrie abhängt.
Eine 400 Euro teure Pumpe stoppt ein Gerät für 3 Millionen Euro
Wie schnell aus fehlenden Rohstoffen ein Problem für ganze Wertschöpfungsketten wird, zeigt der Pumpenhersteller Circutec im mittelfränkischen Roth. Das Unternehmen benötigt jährlich 25 bis 30 Tonnen Magnete mit Seltenen Erden für technisch anspruchsvolle Industriepumpen. Mehr als die Hälfte seines Umsatzes hängt von ihrer Verfügbarkeit ab. Im Herbst 2025 waren die Lager zeitweise leer, die Fertigung von Pumpen für einen großen Medizintechnikkunden stand beinahe still. Dabei kostet eine solche Pumpe nur 300 bis 400 Euro – wird jedoch in einem Gerät verbaut, das bis zu drei Millionen Euro kostet und ohne sie nicht fertiggestellt werden kann. Circutec ist kein Einzelfall: Nach einer Umfrage der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft sind rund 30 Prozent der bayerischen Unternehmen unmittelbar vom Mangel an Seltenen Erden betroffen.
Bayerns Rohstoffpreise steigen auf Rekordniveau
Wie stark der Druck inzwischen auf breiter Front wächst, zeigt der aktuelle Rohstoffpreisindex der vbw. Er umfasst die Weltmarktpreise von 42 Rohstoffen und gewichtet sie mit dem jeweiligen Importanteil nach Bayern. Im zweiten Quartal 2026 erreichte der Index mit 205,3 Punkten den höchsten Quartalswert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2015. Gegenüber dem Vorjahresquartal lag er fast 40 Prozent höher. Bei einzelnen Industriemetallen fallen die Anstiege noch drastischer aus: Wolfram verteuerte sich binnen eines Jahres um 567,4 Prozent, Lithium um 181,2 Prozent und Tantal um 137,5 Prozent. Allein gegenüber dem Vorquartal stiegen Germanium um 52,8 Prozent, Wolfram um 44,9 Prozent und Tantal um 42,8 Prozent.
Der Drohnenkrieg kennt keinen Rohstoffkreislauf
Der Drohnenboom ist nicht die alleinige Ursache dieser Entwicklung. Chinesische Exportbeschränkungen, konzentrierte Verarbeitungskapazitäten, strategische Lagerkäufe und weltweit steigende Verteidigungsausgaben verschärfen den Wettbewerb zusätzlich. Für Bayerns Unternehmen wird deshalb aus einer Einkaufsfrage zunehmend eine Existenzfrage: Woher kommt das Material, wie verlässlich ist die Lieferkette und wie lange reichen die eigenen Bestände? Der moderne Drohnenkrieg wird nicht nur auf dem Schlachtfeld bezahlt. Ein Teil seiner Rechnung landet in den Fabriken der zivilen Industrie. Denn dieser Krieg kennt keinen Rohstoffkreislauf. Er kennt nur Nachschub. Und je mehr Material nach einem einzigen Einsatz verloren geht, desto wertvoller wird jede Tonne, die Bayerns Werkhallen noch erreicht.